Dienstagmorgen, kurz nach neun. Der Kalender ist voll, das Postfach auch. Im Flur läuft dasselbe Gespräch wie letzte Woche, und im ersten Meeting wird dieselbe Entscheidung wieder vertagt.
Wie immer. Nichts Neues. Alltag halt, wie alle Tage.
Und zwischen dem zweiten Kaffee und dem Meeting um elf kommt der Gedanke, den du kennst:
Der Alltag hat mich.
Und gleich hinterher der zweite: Es nervt. Ich muss was ändern.
Und dann, ganz zuverlässig, der dritte. Der fängt mit „aber“ an.
Kurz gesagt: Fast alle sagen denselben Satz: Ich will meinen Joballtag so nicht mehr, aber. Der interessante Teil steht dahinter, denn er beschreibt keine Situation, sondern deine Blockade. Hier sind die sieben häufigsten und der nächste Schritt zu jeder.
Warum nervt es mich jetzt? Es war doch schon immer so
Meistens fehlt der eine große Grund. Stattdessen kommt zweierlei zusammen.
Das eine ist der normale Ärger: der Stapel, der abends höher ist als morgens, das Meeting ohne Ergebnis, die Anerkennung, die selten kommt. Jedes für sich mehr oder weniger gut auszuhalten. Alle zusammen nicht und über Jahre schon gar nicht.
Das andere ist keine Kleinigkeit. Der Chef, der jede deiner Entscheidungen wieder einkassiert. Die Kollegin, die deine Idee zwanzig Minuten später als ihre verkauft. Der Chef spricht dir dein Urteil ab, die Kollegin nimmt dir deine Arbeit weg. Das ist nicht Alltag, das ist Übergriff.
Und trotzdem behandelst du beides gleich: Du schluckst es. Einmal ist zu wenig für einen Konflikt, beim zweiten Mal willst du nicht die sein, die daraus keine große Sache macht.
Genau deshalb sitzt du fest. Das Normale ist zu klein, um deswegen zu gehen. Und das Verletzende hast du so lange kleingeredet, bis es aussieht wie das Normale.
Und trotzdem die Frage: Es hat sich doch nichts verändert. Warum stört es mich auf einmal? Meine Antwort klingt unspektakulär: Es hat sich tatsächlich nichts verändert. Verändert hat sich, dass du es hörst.
Im Alltag läuft ein Grundrauschen. Termine, Postfach, das nächste Ding. Laut genug, dass alles andere untergeht. Sobald es aussetzt, in einer ruhigen Woche, an einem langen Wochenende, in einem tollen Seminar, wird hörbar, was ohnehin da war.
Der Gedanke ist dort also nicht entstanden. Er nimmt sich nur zum ersten Mal wirklich Raum. Und deshalb sind die Tage danach gefährlich: Das Rauschen ist zurück, und mit ihm die bequemste aller Erklärungen. War halt eine anstrengende Phase, das gibt sich.
Manchmal gibt es sich. Manchmal bleibt es. Und der Unterschied: Wenn dir derselbe Gedanke zum dritten Mal kommt, ist er keine Stimmung mehr. Dann ist er ein Befund.
Dein Aber ist der interessanteste Teil des Satzes
Ich habe nicht mitgezählt, wie oft ich diesen Satz schon gehört habe. Der erste Teil ist bei allen fast gleich. Der zweite ist immer individuell anders und verrät mehr als alles davor.
Denn dein Aber beschreibt nicht dein Problem. Es beschreibt deine Blockade.
Und es gewinnt. Jedes Mal. Nicht weil du zu wenig willst, sondern weil es gut argumentiert. Gegen ein schlechtes Argument kommst du an. Gegen ein gutes Argument brauchst du eine Antwort.
Hier sind die sieben häufigsten. Schau, welches deines ist.
1. „… aber es war doch schon immer so.“
Gewöhnung, keine Antwort. Was lange dauert, wird dadurch nicht richtiger. Prüf, ob sich wirklich nichts geändert hat oder ob sich dein Maßstab geändert hat.
2. „… aber so schlimm ist es eigentlich auch nicht.“
Möglich. Das lässt sich prüfen, statt es zu glauben. Schreib eine Woche lang abends zwei Spalten: was heute gut war, was dich heute geärgert hat. Mindestens eine Zeile in jede, gern mehr. Am Sonntag hast du eine Bilanz statt eines Gefühls.
3. „… aber ich weiß gar nicht, was ich stattdessen will.“
Der häufigste, und eine Aufgabe statt einer Sackgasse. Du weißt, wo du wegwillst. Jetzt fehlt das „hin zu“, und ohne das kannst du nichts ansteuern.
4. „… aber ich kann ja eh nichts ändern.“
Da muss ich dir widersprechen. Es gibt Dinge, für die du niemanden um Erlaubnis fragen musst: wie du reagierst, wann du dich meldest, was du sichtbar machst, was du zusagst. Oft ist diese Liste länger als gedacht, nur unbequemer als die Liste der Dinge, an denen die anderen schuld sind.
5. „… aber ich kann es mir nicht leisten.“
Gemeint ist fast immer: heute nicht, unter diesen Bedingungen. Zwei verschiedene Sätze. Bedingungen kann man ändern, und ein Wechsel, der heute unmöglich wirkt, ist in achtzehn Monaten oft machbar.
6. „… aber vielleicht gibt sich das ja wieder.“
Das ist der vierte Weg, dazu gleich mehr. Kurz: völlig in Ordnung, solange du ihn wählst.
7. „… aber ich habe es schon dreimal versucht.“
Der ehrlichste. Selten ein Willensproblem, meist ein Durchhalteproblem. Dazu am Ende mehr.
Reflektiere: Wie geht dein Satz weiter? Schreib ihn wörtlich auf, so wie er dir im Kopf herumgeht, und lies dann nur den Teil nach dem Aber. Dort hängt deine Veränderung gerade fest.
Der vierte Weg: einfach weiter leiden
Vorher kurz zu dem Weg, den die meisten gehen. Er heißt: nichts tun.
Er sieht nach Vernunft aus. Der Arbeitsmarkt ist schwierig, der Kredit fürs Haus läuft noch zwölf Jahre. Also: Dienst nach Vorschrift, 9 to 5, nach mir die Sintflut.
Wer das bewusst wählt, hat gewählt. Es gibt Lebensphasen, in denen der Job das Ding sein darf, das die Miete bezahlt, während die Energie woanders hingeht. Wer so entscheidet, hat abends Feierabend.
Der Haken ist ein anderer. Die meisten wählen es gar nicht, sie rutschen hinein. Und aus einem Nichtstun, das man sich nie ausgesucht hat, wird Leiden. Jeden Tag ein Stück schwerer.
Wie verbreitet das ist, zeigt der Gallup Engagement Index 2025: Zehn Prozent der Beschäftigten in Deutschland sind emotional hoch an ihren Arbeitgeber gebunden. 77 Prozent machen Dienst nach Vorschrift, 13 Prozent haben innerlich gekündigt.
Von zehn Menschen in deinem Büro geht also nur einer wirklich gern hin. Das ist der Grund, warum so wenig passiert: Was alle machen, fühlt sich normal an.
Sich nicht zu entscheiden, ist auch eine Entscheidung.
Und dann? Love it, Change it or Leave it
Kennst du dein Aber, steht die eigentliche Frage an: Welcher Weg ist deiner? Du hast drei Entscheidungsmöglichkeiten:
Love it heißt nachrechnen statt schönreden. Die Wochen-Übung bei Aber Nr. 2 liefert dir die Grundlage dafür. Fällt die Bilanz besser aus als das Gefühl, ist die Arbeit eine andere: Du hast dir über Jahre angewöhnt, zuerst auf das Ärgerliche zu schauen. Das lässt sich umgewöhnen. Bestätigt sie das Gefühl, ist Love it nicht dein Weg. Beides ist ein Ergebnis, beides schlägt Grübeln.
Change it heißt, selbst aktiv zu werden. Am Anfang steht immer dieselbe Übung: Beschreib den Zustand, in dem du zufrieden wärst. Konkret, positiv, in ganzen Sätzen. Danach die Instrumente, für die du niemanden um Erlaubnis fragen musst.
Leave it heißt entscheiden und vorbereiten, selten „morgen kündigen“. Der erste Impuls heißt „weg von“, und der sagt dir nur, wo du herkommst. Wer nur weg will, landet im nächsten Job, der ihn nimmt, und trifft dort dasselbe Muster wieder, nur mit anderen Namen. Erst kommt das „hin zu“, danach Zahlen, Daten, Fakten.
Welcher Weg zu welcher Situation passt, woran du deinen erkennst und wie jeder einzelne im Detail funktioniert, habe ich in Unzufrieden im Job: was tun? ausführlich aufgeschrieben.
Der erste Schritt ist leicht. Der siebte ist das Problem
Bleibt Aber Nr. 7, der ehrlichste: Ich habe es doch schon versucht.
Den ersten schaffen nämlich fast alle. Die Empörung nach einem miesen Dienstag reicht für ein Gespräch mit der Führungskraft, für eine aktualisierte Bewerbungsmappe, für zwei Wochen konsequentes Nein-Sagen.
Beim siebten sieht es anders aus. Da ist der Alltag wieder laut, der erste Versuch ist ins Leere gelaufen, und niemand nimmt es wahr.
Genau da sterben die meisten Veränderungsvorhaben. Selten am Willen. Meist am Gefühl, hilflos und ohne Unterstützung dazustehen.
Was hilft: ein Ziel, das konkret genug ist, um es zu überprüfen. Schritte, die klein genug sind für eine normale Arbeitswoche. Und Rückendeckung, also mindestens ein Mensch, der von deinem Vorhaben weiß und dich unterstützt dranzubleiben. Und damit meine ich nicht jemanden, der mit dir leidet, sondern jemanden, der dich in der Umsetzung unterstützt.
Alleine dranzubleiben ist möglich. Es ist nur deutlich schwerer, als es sein müsste.
Keine Lust mehr auf meinen Job? Und jetzt?
Wenn du bis hierher gelesen hast, kennst du dein Aber ziemlich genau. Mehr, als die meisten über ihre eigene Blockade wissen.
Der nächste Schritt ist klein: Verschaff dir Klarheit, bevor du dich für einen Weg entscheidest. Dafür habe ich den kostenlosen Unzufriedenheits-Check gemacht. Zehn Aussagen, ehrlich beantwortet, und du siehst schwarz auf weiß, wo du stehst. Hol dir den Unzufriedenheits-Check.
Bleib dran,
Romy
Häufige Fragen
Was tun, wenn ich keine Lust mehr auf meinen Job habe?
Verschaff dir zuerst Klarheit, statt aus dem Bauch zu entscheiden. Schreib eine Woche lang jeden Abend zwei Spalten: was heute gut war und was dich heute geärgert hat, mindestens eine Zeile in jede. Danach entscheidest du auf einer Bilanz statt auf einem Gefühl, welcher der drei Wege passt: die Perspektive wechseln, selbst etwas verändern oder den Wechsel vorbereiten.
Warum stört mich mein Job auf einmal, obwohl sich nichts verändert hat?
Meist hat sich nichts verändert. Verändert hat sich, dass du es hörst. Der Arbeitsalltag erzeugt ein Grundrauschen, das leisere Signale übertönt. Sobald es einmal aussetzt, wird hörbar, was ohnehin da war. Kommt derselbe Gedanke zum dritten Mal, ist er keine Stimmung mehr, sondern ein Befund.
Ich bin unzufrieden, kann mir eine Kündigung aber nicht leisten. Was tun?
Meistens heißt dieser Satz: Ich kann es mir unter den heutigen Bedingungen nicht leisten. Also verändere die Bedingungen und arbeite mit einem Zeitplan darauf hin, etwa über Rücklagen, eine Zusatzqualifikation und aktuelle Unterlagen. Ein Wechsel, der heute unmöglich wirkt, ist in zwölf bis achtzehn Monaten oft machbar. Und schon das Wissen, dass du gehen könntest, verändert deine Haltung sofort.
Romy Winter ist Karrierecoach und Business Mentorin aus Mönchengladbach. Mit ihrer Karriereberatung und ihrem Business Coaching begleitet sie seit dem Jahr 2000 Fach- und Führungskräfte dabei, beruflich wieder in Bewegung zu kommen, mit ihrem Ansatz Love it, Change it or Leave it: erkennen, wo du stehst, entscheiden, wohin du willst und losgehen.

