Es ist der dritte Urlaubstag. Du liegst am Strand, das Buch aufgeschlagen auf der gleichen Seite wie gestern. Und dann tust du es doch: Du drehst das Handy um und schaust „nur kurz“ in die Mails.
Eine ist vom Chef. „Keine Eile, wenn du dazu kommst.“ Du kommst dazu. Natürlich kommst du dazu. Du antwortest, zwischen Sonnencreme und Liegestuhl, und für einen Moment fühlt es sich gut an. Erledigt. Dann liest du die nächste.
Kennst du das? Ich schon (Stichwort: selbst und ständig), und meine Klient:innen auch.
Kurz gesagt: Nicht abschalten zu können, ist meist Gewohnheit, keine Charakterfrage. Die Frage ist nicht, ob du erreichbar bist, sondern wer darüber bestimmt: du oder die anderen. Definiere vorher, was ein echter Notfall ist, und kappe die Leitung: Diensthandy aus, Weiterleitung deaktivieren.
Deshalb habe ich mir gedacht: Schluss mit den ganzen gut gemeinten Tipps zum Abschalten. Hier kommen stattdessen fünf richtig gute Gründe, warum du im Urlaub einfach erreichbar bleiben solltest.
Warnhinweis: Dieser Abschnitt kann Spuren von Ironie enthalten. 😉
1. Sonst merkt das Team, dass es auch ohne dich läuft
Stell dir vor, du bist zwei Wochen weg, und alles geht weiter. Die Projekte laufen, die Entscheidungen fallen, niemand ruft verzweifelt an. Eine Katastrophe. Wo bleibt da das Gefühl, unverzichtbar zu sein? Besser, du bleibst erreichbar, mischst dich ein, korrigierst von der Strandbar aus. So weiß jeder: Ohne dich wäre hier alles im Chaos. Beruhigend, oder?
2. Entspannt im Liegestuhl könnte dir etwas bewusst werden
Nichts ist gefährlicher als ein freier Kopf. Kaum kommst du zur Ruhe, könnte dieser eine Gedanke auftauchen, den du das ganze Jahr über erfolgreich wegschiebst: Dass dich dein Job eigentlich gar nicht mehr erfüllt. Also lieber gar nicht erst hinsetzen. Halte den Kopf voll, die Mails offen, die Gedanken beschäftigt. Was du nicht denkst, musst du auch nicht ändern.
3. Ein aufgeräumtes Postfach ist mehr wert als Erholung
Wer will schon erholt zurückkommen und dann von 400 ungelesenen Mails erschlagen werden? Viel klüger: jeden Morgen vor dem Frühstück eine halbe Stunde „nur kurz“ aufräumen. So bleibt dein Postfach schön schlank. Dein Urlaub leider auch.
4. Deine Kolleg:innen könnten deine Abwesenheit nutzen
Kaum bist du weg, schnappt sich jemand anderes dein Projekt, deinen Slot in der Präsentation, deine gute Idee. Zwei Wochen offline? Das ist praktisch eine Einladung. Sicherer ist: Du behältst alles im Blick, antwortest in jedem Thread, bist überall dabei. Schließlich kann man niemandem trauen. Und nichts entspannt so sehr wie das Gefühl, allen auf die Finger schauen zu müssen.
5. Erreichbarkeit zeigt Einsatz
Wer im Urlaub antwortet, beweist Engagement. Wer abschaltet, signalisiert: Mir ist mein Job egal. So einfach ist das. Dass du danach ausgelaugt, gereizt und urlaubsreif zurückkommst, sieht ja keiner. Hauptsache, du hast gezeigt, dass du immer da bist.
Ironie-Modus aus: Warum wir im Urlaub nicht abschalten können
Du hast es gemerkt: Ich meine das alles nicht ernst. Aber genau diese Gedanken begegnen mir ständig. Bei meinen Klient:innen. Und früher oft genug bei mir selbst. Nicht laut ausgesprochen, eher als leises Hintergrundrauschen. „Ich schau nur kurz.“ „Falls was ist, bin ich erreichbar.“ „Ich kann doch schlecht zwei Wochen abtauchen.“
Und hier kommt der eine Satz, auf den es ankommt:
Es ist nicht das Mails-Checken (wenn es dann dabei bleibt), das dich erschöpft. Es ist der Unterschied, ob du es selbstbestimmt entscheidest oder dich verpflichtet fühlst.
Wenn du dich bewusst entscheidest, jeden zweiten Tag fünfzehn Minuten reinzuschauen, weil dich das beruhigt: völlig in Ordnung. Wenn du dagegen aufs Handy schaust, weil du ein schlechtes Gewissen hast, sobald du es nicht tust, ist es etwas anderes. Dann hast du nicht Urlaub. Dann hast du nur den Ort gewechselt.
Zwei Seiten derselben Geschichte
Wenn wir im Urlaub nicht loslassen, hat das meistens zwei Seiten. Die eine Seite ist die innere: Ich lasse es zu. Niemand zwingt mich, das Diensthandy mitzunehmen. Ich tue es selbst. Aus Gewohnheit, aus dem Glaubenssatz „ohne mich läuft es nicht“, aus der Rolle der Zuverlässigen, die ich mir über Jahre eingerichtet habe.
Die andere Seite kommt von außen: Die anderen lassen mich nicht in Ruhe. Ich habe die Grenze gezogen, und trotzdem klingelt das Telefon. „Nur eine kurze Frage.“ Eine Erwartung, die nie vereinbart wurde, wird zur Selbstverständlichkeit.
Beide Seiten verdienen einen eigenen Blick, und genau den bekommen sie diesen Monat in meinem Newsletter. Heute bleiben wir bei der Seite, die du selbst in der Hand hast.
Was wirklich hilft: hinschauen statt wegschieben
Die gute Nachricht: Die innere Seite hast du selbst in der Hand. Hier eine kleine Checkliste:
Wer entscheidet, dass du im Urlaub erreichbar bist: Du oder die anderen? Und falls du „die anderen“ sagst: Stimmt das, oder lässt du es zu?
Was passiert wirklich, wenn du einen Tag lang offline gehst? Und was passiert wahrscheinlich tatsächlich? Im Abstand zwischen beiden Antworten wohnt dein schlechtes Gewissen.
Wer hat die Leitung gelegt? Damit der Job dich im Urlaub erreicht, braucht es einen Kanal: das Diensthandy in der Tasche, das berufliche Postfach auf dem Privathandy, die Weiterleitung an deine private Adresse. Ein Diensthandy kannst du ausschalten. Aber dass der Job auf deinem privaten Gerät landet, ist eine verschobene Grenze, meist eine, die du selbst gelegt hast. Heißt auch: Du kannst sie selbst wieder kappen. (Ob eine Weiterleitung an ein privates Konto überhaupt erlaubt ist, ist nochmal eine eigene Frage, Stichwort Datenschutz.)
Selbsttest für den nächsten freien Tag: Diensthandy aus, Weiterleitung deaktivieren, berufliches Postfach stummschalten. Dann beobachte, was es mit dir macht, nicht was es mit der Arbeit macht. Das ist der eigentliche Test.
Und wenn der Gedanke nicht mehr weggeht?
Manchmal ist das Nicht-abschalten-können gar nicht das eigentliche Thema. Manchmal zeigt sich im Urlaub, in dieser einen ruhigen Minute, etwas Größeres: Dass du seit Langem spürst, dass etwas nicht mehr stimmt.
Wenn dich dieser Gedanke auch nach der Rückkehr nicht loslässt, dann schieb ihn nicht wieder weg. Schau hin.
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Genieße deinen Urlaub

Häufige Fragen zum Abschalten im Urlaub
Warum kann ich im Urlaub nicht abschalten?
Meist steckt kein Charakterproblem dahinter, sondern eine Gewohnheit und ein Glaubenssatz wie „ohne mich läuft es nicht“. Dazu kommt das schlechte Gewissen, sobald man nicht erreichbar ist. Beides lässt sich verändern.
Wie kann ich im Urlaub besser abschalten?
Definiere vorab, was ein echter Notfall ist, und gib das an deine Vertretung weiter. Schalte das Diensthandy aus, deaktiviere Weiterleitungen und nimm das berufliche Postfach vom Privathandy. Und teste einen einzigen komplett offline verbrachten Tag.
Was ist die Freizeitkrankheit?
Die Freizeitkrankheit (englisch „leisure sickness“) beschreibt das Phänomen, im Urlaub oder am Wochenende krank zu werden, sobald die Anspannung nachlässt. Besonders betroffen sind Menschen, die im Job dauerhaft unter Strom stehen.
Muss ich im Urlaub für meinen Chef erreichbar sein?
In aller Regel nicht. Urlaub dient der Erholung. Ob und wie du erreichbar bist, ist eine Vereinbarung, keine Selbstverständlichkeit. Die rechtliche Seite klärst du am besten arbeitsrechtlich; hier geht es um die innere und die kommunikative Seite.
Romy Winter ist Karrierecoach und Business Mentorin aus Mönchengladbach. Mit ihrer Karriereberatung und ihrem Business Coaching begleitet sie seit dem Jahr 2000 Fach- und Führungskräfte dabei, beruflich wieder in Bewegung zu kommen, mit ihrem Ansatz Love it, Change it or Leave it: erkennen, wo du stehst, entscheiden, wohin du willst und losgehen.

