„Ich lade nie zu meiner eigenen Geburtstagsparty ein“.

Meine Klientin sagte das so beiläufig, als würde sie über das Wetter sprechen. Ich musste kurz nachfragen. „Wie meinst du das?“

„Ganz einfach“, sagte sie. „Wenn die anderen mich feiern wollen, dann sollen sie die Party ausrichten. Ich möchte feiern — und nicht arbeiten“.

Ich hatte das so noch nie gehört. Und ich arbeite seit 25 Jahren als Coach.

Sie lässt sich übrigens jedes Jahr feiern. Ohne schlechtes Gewissen. Mit Leichtigkeit. Als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.

Und ich saß da und dachte: Warum kann ich das nicht einfach so sagen?

Was uns dieser kleine Satz verrät

Ich bin im Sommer geboren und wenn ich ehrlich bin, habe ich meinen Geburtstag (wenn überhaupt) eher organisiert als gefeiert. Einladen, Essen ordern, Getränke besorgen, Räumlichkeiten gestalten – und natürlich für die Musik sorgen (Playlist oder DJ?). Und im Hintergrund immer diese Anspannung: Wird es meinen Gästen gefallen? Wird ihnen das Essen schmecken? Wird ihnen die Musik gefallen, sodass sie das Tanzbein schwingen? Werde ich meinem eigenen Anspruch gerecht, meinen Gästen einen unvergesslichen Abend zu bereiten?

Klingt das bekannt?

Sich beschenken lassen, ein Lob einfach stehen lassen, Hilfe annehmen, ohne sofort etwas zurückzugeben, genau das fällt vielen von uns schwer.

Die Geschichte meiner Klientin hat mich deshalb so getroffen, weil sie etwas sehr Einfaches beschreibt – und gleichzeitig etwas, das die meisten von uns wohl nie wirklich gelernt haben: sich beschenken lassen. Zulassen. Einfach da sein und annehmen.

Annehmen im Beruf: ein blinder Fleck

Im Coaching begegnet mir das ständig. Nicht beim Geburtstag, sondern mitten im Arbeitsalltag.

Da ist die Führungskraft, die nach einem gelungenen Projekt sagt: „Ach, das hat das ganze Team gemacht“ – und dabei ihren eigenen Anteil komplett unsichtbar macht. Da ist die Fachexpertin, der jemand aufrichtig dankt und die sofort antwortet: „Ach, das war doch nichts Besonderes.“ Oder die Kollegin, die sich wochenlang für eine Beförderung qualifiziert hat – und im entscheidenden Gespräch anfängt, ihre eigene Leistung kleinzureden.

Vor allem Frauen kennen das nur allzu gut: jahrelang funktioniert – für den Job, für die Familie, für alle anderen – und dabei das Annehmen verlernt. Oder nie wirklich gelernt.

Das ist kein Zufall. Es ist ein Muster. Und es kostet – beruflich wie persönlich.

Warum fällt uns das so schwer?

Wer immer gibt, koordiniert, organisiert und funktioniert, der hat sich eine bestimmte Rolle eingerichtet. Die Gebende. Die Zuverlässige. Die, auf die man sich verlassen kann.

Diese Rolle fühlt sich sicher an. Man weiß, was man zu tun hat. Man wird gebraucht.

Annehmen dagegen bedeutet auch, die Kontrolle abzugeben. Jemandem zu erlauben, für mich zu sorgen. Zu vertrauen, dass das okay ist – ohne sofort ausgleichen zu müssen.

Das erfordert eine innere Erlaubnis, die viele nie erteilt bekommen haben. Oder nie sich selbst erteilt haben.

Ist dir bewusst, wie du reagierst, wenn jemand dir aufrichtig ein Kompliment macht? Nimmst du es an oder relativierst du es sofort?

Annehmen ist eine Kompetenz. Man kann sie üben.

Die gute Nachricht: Das ist keine Charaktereigenschaft, die man entweder hat oder nicht hat. Es ist eine Fähigkeit. Und Fähigkeiten kann man entwickeln.

Annehmen heißt: zulassen, dass jemand dir etwas Gutes tut. Und dir zu erlauben, dass es dir guttut, ohne sofort daran zu denken, was du zurückgeben kannst.

Hierzu mal drei kleine Übungen für die Zukunft:

1. Das Kompliment einfach annehmen.
Wenn jemand deine Arbeit lobt, antworte mit einem schlichten „Danke“. Kein „Ach, das war nichts“, kein „Das hat aber das ganze Team gemacht“. Nur: Danke. Atme dabei. Lass es ankommen.
Das fühlt sich am Anfang ungewohnt, vielleicht sogar unangenehm an. Das ist normal. Bleib trotzdem dabei.

2. Hilfe annehmen, bevor du sie brauchst.
Warte nicht, bis du an der Grenze bist. Wenn jemand anbietet zu helfen, sag Ja. Nicht „Eigentlich schaffe ich das auch alleine“, sondern: „Ja, gerne – das wäre toll“.
Übe, Unterstützung als Zeichen von Stärke zu sehen, nicht als Schwäche.

3. Sich feiern lassen, ohne im Hintergrund Regie zu führen.
Das klingt banal. Ist es nicht. Beim nächsten Anlass – Geburtstag, Jubiläum, Erfolg – lass andere das Ausrichten übernehmen. Deine Aufgabe: genießen. Das ist alles.

Bist du bei einer dieser Übungsvorschläge innerlich zusammengezuckt? Genau da liegt dein Entwicklungsfeld.

Zum Schluss: eine Einladung

Ich habe demnächst wieder Geburtstag, und ich hatte tatsächlich überlegt, an diesem Tag ganz normal Beratungstermine anzunehmen. Ich bin schließlich selbstständig. Selbst. Und. Ständig.
Dann fragte eine Klientin, mit der ich für diesen Tag einen Termin vereinbaren wollte: „Du willst doch nicht an deinem Geburtstag arbeiten.“

Ich musste lachen. Und ich musste schlucken. Denn sie hatte recht.

Im Gegensatz zu vielen meiner Klientinnen, die an ihrem Geburtstag ganz normal ins Büro gehen, könnte ich mir den Tag freinehmen. Ich könnte. Und diesmal tue ich es auch. Kein Coaching, keine Termine, kein „kurz noch schnell“. Nur Nichtstun. Bewusst. Gewählt.
Meine Klientin, die sich immer ihre eigene Geburtstagsparty schenken lässt, hätte ihre Freude daran.

Wenn du beim Lesen gemerkt hast, dass du das „Annehmen“ eigentlich nie wirklich gelernt hast, dann lass uns darüber reden.
Nicht erst dann, wenn du dich „bereit“ dafür fühlst. Sondern jetzt.

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Bleib mutig,

Häufige Fragen

Warum fällt es so schwer, Komplimente anzunehmen?

Weil viele sich über Jahre die Rolle der Gebenden eingerichtet haben. Annehmen heißt, die Kontrolle abzugeben und zu vertrauen, dass das okay ist, ohne sofort auszugleichen. Das ist ungewohnt, aber lernbar.

Kann man Annehmen lernen?

Ja. Annehmen ist keine Charaktereigenschaft, die man hat oder nicht hat, sondern eine Fähigkeit. Du kannst sie üben, zum Beispiel, indem du ein Lob mit einem schlichten Danke stehen lässt.

Wie übe ich, Hilfe anzunehmen?

Warte nicht, bis du an der Grenze bist. Wenn jemand Hilfe anbietet, sag „Ja, gerne“ statt „Eigentlich schaffe ich das auch alleine“. Übe, Unterstützung als Stärke zu sehen, nicht als Schwäche.


Romy Winter ist Karrierecoach und Business Mentorin aus Mönchengladbach. Mit ihrer Karriere Beratung und ihrem Business Coaching begleitet sie seit dem Jahr 2000 Fach- und Führungskräfte dabei, beruflich wieder in Bewegung zu kommen, mit ihrem Ansatz Love it, Change it or Leave it: erkennen, wo du stehst, entscheiden, wohin du willst und losgehen.